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· Ralf Westphal

Vibe Coding ist ein Spektrum

Was Laien mit KI selbst bauen können – und wo sie Profis brauchen

User können heute mit KI-Assistenten wie Claude Code oder OpenAI Codex selbst programmieren; User können für sich und ihr Umfeld Softwarelösungen entwickeln. Was bisher Profis vorbehalten war, ist nun für den Laien prinzipiell möglich. Und eine Grenze gibt es dabei nicht. Theoretisch, d. h. mit genügend Neugierde, Mut, Durchhaltevermögen, ist heute jeder in der Lage, jede Software, die sein Herz begehrt, allein zu bauen. Je nach Problem, das mit einem Programm bewältigt werden soll, kostet das nur unterschiedlich viel Zeit und Nerven – und, ja, auch Token. Im Vergleich zu früher ist das allerdings immer noch spottbillig.

Die Softwarewelt steht damit kopf. Oder man könnte auch sagen, sie ist dort wieder angekommen, wo sie einmal angefangen hatte. Denn vor 70 Jahren waren es auch die Nutzer von Software, die für sich Software entwickelt haben; sie waren sogar die einzigen, die es konnten. Damals waren es allerdings ausschließlich Profis – Ingenieure und Wissenschaftler –, weil nur sie Zugang zu Computern hatten.

Heute können auch Laien als Nutzer Programme entwickeln. Das tun sie mit „Vibe Coding“, d. h., sie schildern einer KI, was für ein Programm sie sich wünschen, und die KI generiert den dafür nötigen Code. Dann probiert der Nutzer sofort das Ergebnis aus und lässt die KI wissen, was noch zu ändern ist. Und so weiter und so fort. Der Nutzer kann sozusagen „nach Gefühl“ Verbesserungen entwickeln lassen. Das geht gewöhnlich so schnell, dass er in einem Flow bleibt, in dem sich Anweisung an die KI, Umsetzung durch KI und Beurteilung durch den Nutzer in Minuten abwechseln.

Es ist erstaunlich, was Laien auf diese Weise für Programme entwickeln! Und alle sind maßgeschneidert. Konsument und Produzent sind dieselbe Person. User als Prosumenten. Das ist seit Anfang 2026 eine Option durch den Fortschritt bei den KI-Assistenten, d. h. KI, die auf dem Desktop der User läuft und mit KI-Agenten parallel auch sehr umfangreiche Aufgaben mit langen Bearbeitungszeiten bewältigen kann.

Illustration „Ab 2026 auch eine Option: Vibecoding – User bauen ihre maßgeschneiderte Software selbst“: Eine begeisterte Frau am Laptop, um sie herum Idee, Prompt, Ergebnis und Anpassen, dazu der Stempel „Idealvorstellung“; daneben ein Stapel aus Datenbank, Workflows, Integrationen und Benutzerrollen auf bröckelndem Sand

Dieses Bild steht in starkem Kontrast zur Welt vor 2026. Bis dahin waren User auf Profis angewiesen für die allermeisten Programme, die ihnen genutzt hätten. Bestenfalls konnten sie sich mit Excel behelfen, das sie über komplexe Formeln oder auch mal VBA-Code aufgebohrt haben. Hier und da wurden auch schon sog. Low-Code- oder No-Code-Tools eingesetzt, doch eine wirkliche Demokratisierung der Programmierung war nicht erreicht worden.

Profi-Programmierer waren deshalb regelmäßig überlastet und User waren genervt. Jeder Änderungswunsch dauerte lange bis zur Umsetzung, wenn er es denn je dahin geschafft hat.

Illustration „Bis 2026 die einzige Option: Auftragsentwicklung“: Ein überlasteter Entwickler am Laptop, umringt von gestressten Kolleginnen und Kollegen, neben einem Stapel aus Feature-Wünschen, Änderungen, Bugfixes, neuen Anforderungen und Feedback

Seit Ende der 1960er-Jahre wurde das „Softwarekrise“ genannt: Immer hat die Zahl der Softwarewünsche die Zahl derjenigen, die sie erfüllen konnten, weit überschritten. Es herrschte notorischer Mangel an Softwarelösungen, besonders kleinen und mittleren. Das Resultat: Standardsoftware der einen oder anderen Art.

Der Nachteil von Standardsoftware: Sie ist eben standardisiert. User müssen sich ihr anpassen, statt dass Software dem Bedarf des Users folgt. Und das Geschäftsmodell jedes Standardsoftwareanbieters konnte nur sein, die Software ständig auszubauen, um für neue User attraktiv zu werden. Ob vorhandene User diesen Ausbau schätzten, stand auf einem anderen Blatt. Viele taten es nicht (mehr), je älter, größer, komplexer Standardsoftware wurde. Das Ergebnis: Bloatware, d. h. aufgeblähte Software mit Funktionalität, die immer nur zu einem kleinen Teil einzelnen Usern nutzte. Immer mehr Geld mussten User also bezahlen für Features, die ihnen nicht taugten – aber sich in einem Prospekt gut angehört haben.

Kein Wunder, dass Vibe Coding nun als große Erleichterung empfunden wird, wo man es schon verstanden hat. User fühlen sich empowert. Schluss mit der Abhängigkeit von Standardsoftware oder lahmen IT-Abteilungen!

Dieses Gefühl hat seine Berechtigung für viele kleine und mittlere Anwendungen. Ja, User können heute mit KI viele Tools for fun and profit selbst realisieren. Allerdings … man kann sich dabei auch überschätzen und die KI zeigt diese Fallstricke nicht verlässlich auf.

Dieselbe Illustration mit dem Stempel „Achtung!“: Die Frau rauft sich die Haare, ringsum Fehlermeldungen, Konflikte, ein fehlgeschlagener Build und der zusammenbrechende Stapel aus Datenbank, Workflows, Integrationen und Benutzerrollen

Vibe-coded Programme können Funktionalität enthalten oder Größenordnungen annehmen über die Zeit, die es auch KI schwer machen, sie weiter zu pflegen oder überhaupt verlässlich bedienbar zu machen. Was eben noch ein Tool für ein paar Kollegen in der Abteilung sein sollte, wird nun für das ganze Unternehmen mit Hunderten Mitarbeitern gefordert? Ist es dafür gemacht, kann KI es umbauen? Sind die Probleme sofort offensichtlich oder tauchen sie erst verspätet auf und haben zu schwer korrigierbaren Fehlern geführt?

Aus anfänglicher Lust kann dann auch großer Frust entstehen.

Ganz zu schweigen vom Überblick über eine wachsende Zahl von selbst entwickelten Programmen an vielen Arbeitsplätzen. Die Gefahr einer neuen Schatten-IT wie früher schon bei Excel und MS Access ist real.

Vibe Coding, so groß das Potenzial auch ist, braucht Augenmaß. Das kann der Laie nicht haben. Deshalb raten wir zu einer differenzierten Sichtweise.

Infografik „Spektrum moderner Softwareentwicklung mit Vibecoding“: fünf Stufen von „Mehr Profi“ bis „Mehr User“ – Auftragsentwicklung, Geführte Entwicklung, Begleitete Eigenentwicklung, Bootstrap & Übergabe und Vibecoding –, darunter der Beteiligungsgrad von Profi und User und der wachsende Anteil an Vibe Coding

Für uns ist Vibe Coding eine Option in einem Spektrum. Schon im Artikel zur Vibe-Coding-Ampel haben wir gezeigt, dass Vibe Coding nicht für jeden in gleicher Weise funktioniert.

Wir denken, dass es bei der Softwareentwicklung tatsächlich nicht mehr nur eine Option gibt: den Profientwickler.

  1. Zwar gibt es weiterhin Software, die ausschließlich Profisache ist. Doch deren Zahl nimmt absolut ab und noch viel mehr in Relation zu anderen Kategorien von Software.
  2. Hinzu kommt Software, bei der Profi und User ko-kreativ sind und zusammen entwickeln – der Laie mit Vibe Coding, womöglich nur in bestimmten Bereichen der Software (z. B. User Interface).
  3. Oder der User übernimmt den Löwenanteil der Entwicklung, aber der Profi steht mit Rat und Tat zur Seite, wenn es Probleme gibt oder größere Änderungen anstehen.
  4. Insbesondere am Anfang sehen wir einen Profi immer wieder im Einsatz: Er setzt ein Softwareprojekt auf, damit es für den Laien anschließend „wie auf Schienen läuft“, was die Infrastruktur, das Deployment und einige nicht-funktionale Anforderungen angeht (z. B. Sicherheit).
  5. Aber es wird auch viele, sehr viele Programme geben, die User einfach selbst realisieren. Allerdings wird dafür gerade in größeren Organisationen ein Rahmen nötig sein, der qua Struktur die Einhaltung interner Richtlinien zusichert, ohne dass immer wieder Profis eingeschaltet werden müssen.

In so einem Spektrum ist Vibe Coding für uns eine wichtige Option für den Einsatz von KI im Unternehmen. KI selbst kann Aufgaben erledigen; viel häufiger als zunächst gedacht kann KI jedoch Werkzeuge bauen, die Aufgaben erledigen helfen.

Die Bereitschaft und Fähigkeit, Vibe Coding zur Entwicklung maßgeschneiderter Lösungen zuzulassen, ist ein wichtiger Aspekt für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen.